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Venezuela Libre?

  • Simon Gygax
  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Eine faktenbasierte Analyse zu der aktuellen politischen Situation in Venezuela - aus neutraler Perspektive betrachtet und kritisch hinterfragt.


"Venezuela libre" - der Slogan gegen Diktator Maduro. Nun ist er gefallen, doch wird das Land wirklich frei sein?
"Venezuela libre" - der Slogan gegen Diktator Maduro. Nun ist er gefallen, doch wird das Land wirklich frei sein?

Es ist der 28. Juli 2024, als die ersten Nachrichten von der Präsidentschaftswahl in Venezuela veröffentlicht werden: «Nicolas Maduro erneut zum Präsidenten gewählt!». Ich kann es kaum fassen.


Über 1 Jahr lebte ich zu diesem Zeitpunkt bereits in Bucaramanga, einer kolumbianischen Stadt unweit der venezolanischen Grenze. In den letzten 10 Jahren haben sich hier sehr viele Menschen aus Venezuela niedergelassen, geflüchtet mangels Perspektiven im eigenen Land. Viele Freundschaften habe ich mit ihnen geschlossen, Venezolaner sind sehr lebensfrohe, zugängliche und offenherzige Menschen.


Durch diese Freundschaften wurde mir auch klar, dass absolut niemand freiwillig Nicolas Maduro zum erneuten Präsidenten wählen würde. Viele Venezolaner sind extra für die Wahlen 2024 zurückgekehrt – aus den USA, Europa und den lateinamerikanischen Nachbarländern – nur um ihre Stimme dem Oppositionskandidaten Edmundo Gonzalez zu geben.


Nicolas Maduro kam 2013 ins Amt des Präsidenten, nachdem sein Vorgänger Hugo Chavez verstorben war. Hugo Chavez hat 1999 den Sozialismus in das Land gebracht, ähnlich wie in Russland, China oder Kuba - in Venezuela redet man mittlerweile vom «Chavismo». Unter Chavez wurden die Staatsausgaben von 10 Milliarden US-Dollar auf 160 Milliarden US-Dollar erhöht, was viele neue Arbeitsstellen schuf, die Infrastruktur, Bildung und den allgemeinen Wohlstand Venezuelas zeitweise stark verbesserte.


Nicolas Maduro vor dem Portrait seines Vorgängers Hugo Chavez. Der "Chavismo" hat in Venezuela lange funktioniert - bis der Ölpreis 2013 einbrach.
Nicolas Maduro vor dem Portrait seines Vorgängers Hugo Chavez. Der "Chavismo" hat in Venezuela lange funktioniert - bis der Ölpreis 2013 einbrach.

Der Haken daran: Die Staatsausgaben wurden zu 95% aus den Öleinahmen finanziert. Venezuela besitzt die grössten Erdöl-Reserven weltweit und konnte sich das Experiment Sozialismus deshalb bei hohem Ölpreis, was länger als ein Jahrzehnt der Fall war, gut leisten. Ein Stabilisierungsfonds wie z.B. in Norwegen wurde aber nie eingerichtet, und die Wirtschaft hat sich abseits vom Öl nicht diversifiziert (wie z.B. die arabischen Staaten).


Als dann 2013, fast zeitgleich mit der Machtübergaben von Chavez an Maduro, der Ölpreis stark zu fallen beginnt, gerät das System ins Straucheln. Der neue Präsident Maduro greift zu panischen Massnahmen und zwingt die Notenbank, immer mehr Geld zu drucken. Das Resultat ist eine Hyperinflation, welche 2015 noch bei 181% liegt, und 2018 bei sagenhaften 130.000% gipfelt.


Hunderttausende Menschen aus allen Gesellschaftsschichten verlieren ihre gesamten Ersparnisse. Die Währung Bolivar wird zeitweise abgeschafft, bis heute wird in Venezuela mehrheitlich in US-Dollar oder sogar in Gold bezahlt. Die Preise von importierten Lebensmitteln gehen durch die Decke, den Spitälern fehlt es nicht nur an Medikamenten, sondern auch an allen möglichen Ressourcen.


Über 8 Millionen Menschen, 35% der Bevölkerung, sehen sich zwischen 2014 und 2022 gezwungen, das Land zu verlassen.


Und die Regierung? Die greift mit harter Hand durch. Auf Proteste wird mit Gewalt und nicht selten mit scharfer Munition reagiert. Hunderte Menschen, darunter auch Studenten und Minderjährige, werden bei Demonstrationen getötet. Menschen müssen auf offener Strasse nicht selten ihre Mobiltelefone der Polizei zeigen, und wird darauf Regierungskritisches Material gefunden, folgt Gefängnisstrafe und Folterung.Politische Gegner werden willkürlich inhaftiert, politisch disqualifiziert, mit Berufsverboten belegt oder gar ins Exil gedrängt. Die politische Opposition wird faktisch eliminiert.


Eine grosse Ausnahme bildet dabei Maria Corina Machado. Geboren 1967 in Caracas, wurde sie 2002 als Mitgründerin der Wahl-NGO Súmate bekannt, die das Abwahlreferendum gegen Hugo Chávez unterstützte. Seitdem gilt sie dem Chavismo als gefährliche Gegnerin. Als Abgeordnete (2011–2014) trat sie mit einem kompromisslosen Konfrontationskurs gegen Chávez und später Maduro auf. Das Regime entzog ihr aufgrund suspekten «Korruptionsvorwürfen» das Mandat und belegte sie später mit einem politischen Berufsverbot.


Maria Machado und Edmundo Gonzalez - Internationale Beobachtungsstellen sind sich einig, dass sie 2024 bei den Präsidentschaftswahlen über 70% der Stimmen kriegten. Trotzdem krönte sich Maduro zum Präsidenten.
Maria Machado und Edmundo Gonzalez - Internationale Beobachtungsstellen sind sich einig, dass sie 2024 bei den Präsidentschaftswahlen über 70% der Stimmen kriegten. Trotzdem krönte sich Maduro zum Präsidenten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Oppositionsführern ging Machado aber nicht ins Exil und verweigerte auch jegliche Verhandlungen mit dem Regime. Gerade weil sie als nicht korrupt, nicht erpressbar und prinzipientreu gilt, wird sie vom Regime massiv bekämpft. Doch Machado lässt sich nicht unterkriegen, unter anderem wohl auch, weil sie mittlerweile von den USA unterstützt wird.


2023 gewann sie trotz Verbot mit rund 90 % die Oppositionsvorwahlen und wurde zur klar legitimierten Führungsfigur der Anti-Maduro-Bewegung. Maduro konnte zwar verhindern, dass sie sich selbst zur Präsidentschaftswahl 2024 stellt. Doch Machado verbündet sich mit dem offiziell zugelassenen Oppositionskandidaten Edmundo Gonzalez. Das Bündnis gewinnt unter den Venezolanern enorm an Popularität und es ist bereits vor den Wahlen klar, dass Maduro unter fairen Wahlbedingungen niemals eine Chance zur Wiederwahl haben würde.


Maduro schliesst deshalb bei den Präsidentschaftswahlen 2024 sämtliche international anerkannten Überwachungskomitees von den Wahlen aus und installiert seine eigenen Leute für die Auswertung der Wahlen.


Als ich deshalb die Schlagzeilen in dieser Juli-Nacht 2024 las, wusste ich, dass es nichts anderes als Wahlbetrug sein konnte. Die Proteste folgten schnell – während in Venezuela selbst vorsichtig protestiert werden muss, um nicht mit dem Leben zu bezahlen, glühten die sozialen Medien heiss. Die Wut und der Unmut unter den Venezolanern waren riesig. Meine Freunde stellten die venezolanische Flagge, untermalt in roten Grossbuchstaben in ihr WhatsApp-Profilbild: «VENEZUELA LIBRE!» - freies Venezuela.


Auch international folgen kritische Reaktionen auf die Wahlresultate, wichtige Staaten wie die USA erkennen die Wiederwahl Maduros nicht an.


Maduro aber tut das, was er schon immer tat, er unterdrückt die Proteste mit Gewalt und hält sich mit harter Faust an der Macht. Maria Corina Machado bleibt im Land, muss aber extrem vorsichtig bleiben und öffentliche Auftritte zu ihrer eigenen Sicherheit meiden.

Im Oktober 2025 taucht ihr Name erstmals wieder in den internationalen Medien auf, als sie für ihren Mut und ihr politisches Werk in Venezuela den Friedensnobelpreis zugesprochen bekommt.


Machado muss eine geheime, abenteuerliche Flucht aus Venezuela unternehmen, da sie vom Maduro-Regime an der Ausreise gehindert wird. Ihre Flucht beinhaltet eine 12-stündige Motorbootsfahrt, eine Verkleidung und einen Privatjet, um dem Regime zu entkommen.

In Oslo folgt dann eine Überraschung: Maria Machado widmet ihren Nobelpreis dem US-Präsidenten Donald Trump. Dies überrascht im ersten Moment, weil die beiden Politiker besonderes gesellschaftspolitisch eine andere Linie fahren.


Maria Corina Machado in Oslo beim Empfang des Friedensnobelpreises. Zur Überrauschung und Empörung vieler widmete sie den Preis dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump.
Maria Corina Machado in Oslo beim Empfang des Friedensnobelpreises. Zur Überrauschung und Empörung vieler widmete sie den Preis dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Doch die Strategie Machados wird schnell klar. Sie möchte die US-Regierung dazu bewegen, sie beim Putsch gegen das Maduro-Regime zu unterstützen. Für die USA ist dies in der Tat eine lukrative Angelegenheit. Einerseits können Venezuelas Öl-Reserven den USA helfen, ihre massiven Staatsschulden über die nächsten Jahre zu reduzieren.


Und dann gibt es da noch die seltenen Erden wie Coltan, Neodym, Lanthan, Zinn, Nickel, Rhodium, Titan und viele andere wertvolle Rohstoffe. Seltene Erden heissen nicht seltene Erden, weil sie selten sind, sondern weil selten jemand dazu bereit ist, die Umweltverschmutzung in Kauf zu nehmen, welche dessen Ausgrabungen verursacht.


Die USA kann also durch Zugang zu Venezuelas Mineralien ihr eigenes Territorium von den Ausgrabungen verschonen. Die Leidtragende wird Venezuelas Flora und Fauna sein und auch viele Menschen, die in diesen Gebieten wohnhaft sind.


Was genau zwischen Machado und der US-Regierung verhandelt wurde, ist unklar, doch am 3. Januar 2026, 18 Monate nach Maduros Wahlbetrug, berichten zahlreiche Medien von seiner gewaltsamen Festnahme durch Angriffe der USA, nachdem sich die US-Marine bereits Wochen zuvor vor Venezuelas Küste installiert hatte.


Die US-Regierung um Donald Trump und Marco Rubio. Gewaltsam einen Staat invadieren, öffentlich die Plünderung der Öl-Reserven ankündigen und dabei noch Applaus erhalten: Ein strategisch cleverer Schachzug, moralisch aber sehr fraglich.
Die US-Regierung um Donald Trump und Marco Rubio. Gewaltsam einen Staat invadieren, öffentlich die Plünderung der Öl-Reserven ankündigen und dabei noch Applaus erhalten: Ein strategisch cleverer Schachzug, moralisch aber sehr fraglich.

Der offizielle Grund soll der Drogentransport aus Venezuela in die USA und der Kampf gegen die Drogenkartelle sein. Doch nur ein kleiner Bruchteil der in die USA importierten Drogen stammen aus Venezuela. Nur 1% des Fentanyls, aktuell die tödlichste und zurzeit problematischste Substanz des US-amerikanischen Drogenproblems, kommt aus Venezuela. Der Kampf gegen die Drogen wird hier also als billiges Alibi verwendet, um die gewaltsame Intervention in Venezuela und den Verstoss gegen das internationale Völkerrecht zu legitimieren.


Dies interessiert die Venezolaner hier in Bucaramanga aber wenig. Mit Freudenschreien werde ich an diesem Morgen des 3. Januars 2026 geweckt, die Euphorie unter den Venezolanern hier in Kolumbien ist gross. Einige lassen ihrer Freude vollen Lauf, andere sind etwas verhaltener, doch alle freuen sich über den Niedergang des Maduro-Regimes.


Dass die Intervention der USA nicht aus Nächstenliebe, sondern aus purem Eigeninteresse geschehen ist, ist den meisten Menschen hier bewusst. Doch viele hoffen dennoch auf eine positive Zukunft unter dem Einfluss der USA. Ob Venezuela in dieser Konstellation jemals wieder frei sein wird, wird sich zeigen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 
 
 

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