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Fussball und lachende Kinder in Bucaramangas Norden

  • Simon Gygax
  • 11. Juni 2023
  • 4 Min. Lesezeit

Bucaramanga


Von Schönheit auf den zweiten Blick, ängstlichen Taxifahrern, vielen Kontrasten, lachenden Kindern und einem unermüdlichen NGO.

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Die Kinder aus Bucaramangas Norden während einem Nachmittag mit dem NGO "Goles por la Paz".


Eine Flugstunde von Bogota entfernt, im Hochland der kolumbianischen Anden, liegt Bucaramanga, «La Ciudad bonita» - die schöne Stadt. Auf den ersten Blick erkenne ich die Schönheit noch nicht ganz. Viele Strassen Bucaramangas sind schmutzig, die Gerüche nach frittiertem Essen und frischen Früchten vermischen sich abwechselnd mit Benzin, Abfall und Hundekot. Als Fussgänger Querstrassen zu überqueren ist ein wiederkehrendes Spiel mit dem Tod, die Fussgängerstreifen dienen mehrheitlich der Dekoration und Ampeln gibt es nur für Autos, nicht aber für Fussgänger.


Trotzdem findet man in dieser Stadt viel Schönheit, wenn man richtig hinschaut. Einerseits in Form der Menschen, die hier leben – doch darauf will ich nicht heraus. Bucaramanga ist umgeben von spektakulären Landschaften und Wäldern, die sich abwechselnd mit den 17 verschiedenen Stadtzonen (Comunas) vermischen. Das Landschaftsbild ist sehr abwechselnd, durch die grossen Höhenunterschiede kristallisieren sich drei verschiedene Klimazonen heraus, regnet es an einem Ort, ist es gut möglich, dass in einem anderen Stadtviertel die Sonne scheint. Die 17 Stadtzonen (Comunas) bringen alle ihre eigenen Facetten mit.


Nennenswert ist die Comuna 14, welche sich aus den Stadtvierteln «Morrorico» und «Albania» bildet. Früher als Problemzone mit viel Drogenhandel und Bandenkriegen bekannt, hat sich die Komune mittlerweile zum Aushängeschild Bucaramangas entwickelt. Die neu konstruierten Wege durch das Viertel, von wo man über die ganze Stadt blicken kann, werden von unzähligen Graffitis begleitet. Das Viertel erinnert stark an die «Comuna 13» in Medellin, welche eine ähnliche Geschichte mitbringt.

Die Comuna 14 in Bucaramanga widerspiegelt das Landschaftsbild der Stadt perfekt. Zwischen Wäldern und Natur reihen sich die Häuser der Stadtviertel dicht aneinander zusammen. In der Comuna 14 gibt es ausserdem viel Kunst in Form von Graffiti zu betrachten.


Die Komunen 1 & 2 bilden zusammen den Norden Bucaramangas. Der «Norte» geniesst einen schlechten Ruf. Viele der Menschen, die hier leben, haben mit Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen. Obwohl das Viertel als gefährlich gilt und ich von Taxifahrern oft gewarnt werde, nehme ich das Barrio Norte nicht als Problemviertel war. Die Menschen hier sind sehr freundlich und offen zu mir, ich fühle mich sofort willkommen.


Willy Ortiz bestätigt mir diesen Eindruck. Schon sein ganzes Leben lebt Willy hier im Norden. Gesehen hat er viel, unter anderem auch Morde. Jedoch handelt es sich dabei um sehr wenige Einzelfälle. Rivalisierende Banden gibt es hier nicht, Waffen sucht man vergebens. Der Drogenhandel existiert zwar, jedoch im kleinen Stil. Auch die hohe Arbeitslosenrate trügt: Viele der Menschen, die im Norden leben, betreiben ihr eigenes Geschäft wie zum Beispiel Quartierläden, Friseur- oder Kosmetiksalons. Diese Geschäfte sind grösstenteils nicht angemeldet, weshalb die Arbeitslosenquote höher ausfällt, als sie eigentlich ist. «Wahrscheinlich findet ungefähr 80% des Handels unangemeldet statt», schätzt Willy. Schönreden will ich die Armut hier aber nicht. Auch wenn mittlerweile fast alle der einfachen Häuser mit Wasser, Strom und sogar Internetzugang ausgestattet sind, leben viele Familien am Existenzminimum. Wo viel Armut vorhanden ist, gibt es auch mehr Diebstahl - vorsichtig muss man deshalb immer sein.

Der Norden gilt als die ärmste Zone Bucaramangas. Die Häuser sind zwar oft mit Belchdächern überdacht, doch an Strom, Wasser und sogar Internet anschlüssen fehlt es nicht.



Willy streicht den starken Kontrast heraus, welcher auch mir sofort auffällt. Man findet in den Vierteln des Nordens sowohl einfache Hütten aus Holz und Blech, aber auch solid gebaute und modern ausgestattete Häuser. Die Menschen besitzen zwar nicht viel, trotzdem läuft praktisch jeder mit einem Smartphone der neuesten Generation durch die Strassen – auch die Kinder.

Willy habe ich durch das NGO «Goles por la Paz» kennengelernt, welches er vor über 10 Jahren zusammen mit zwei Freunden aus England gegründet hat. Die Fundation hat die wichtige Aufgabe übernommen, die Freizeit der Kinder von Bucarmangas Norden sinnvoll zu gestalten. Das bedeutet neben einem vielseitigen Sportangebot, welches von ausgebildeten Sporttrainern geführt wird und hauptsächlich aus Fussball besteht, auch Unterstützung bei den Hausaufgaben, sowie Workshops, wo wichtige Themen des Alltags behandelt werden. In den von Psychologen und Psychologie-Studenten durchgeführten Workshops werden den Kindern auf spielerische Weise wichtige Lektionen zu Themen wie sexueller Gesundheit, gesunder Ernährung, Drogenmissbrauch, Hygiene und viel weiteres vermittelt. Bei den Workshops darf ich assistieren, es ist eine gute Möglichkeit, um die Kinder kennenzulernen.

Meine persönliche Passion gilt aber der «Cancha», dem Sportplatz. Hauptsächlich unterstütze ich die professionellen Sporttrainer bei der Umsetzung des Trainings, ich darf aber auch kleinere Sporteinheiten selbst übernehmen und leiten. Mir gefällt die grosse Flexibilität, die man als Volunteer geniesst. Eigene Ideen darf ich jederzeit einbringen, ich kann aber zeitweise auch einfach nur an den Spielfeldrand sitzen, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, ihnen über meine Herkunft zu erzählen und mehr über ihren Alltag zu erfahren.


Die Kinder erscheinen mir alles andere als Problemkinder. Noch nie habe ich so viel Lachen gesehen. Die Kinder sind neugierig, ehrgeizig im Sport und voller Lebensfreude – ich lasse mich gerne anstecken.

Eindrücke aus meinem Volunteering bei "Goles por la Pay" - einem NGO, dass die Freizeit der Kinder aus Bucaramangas Norden verbessert.

 
 
 

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