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Neue Horizonte im Gefängnis

  • Simon Gygax
  • 4. Mai 2023
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Mai 2023

Bucaramanga


Von beeindruckenden Persönlichkeiten, Eindrücken aus einem kolumbianischen Gefängis, Fussball, Fitness und einer drogenfreien Zukunft. Bericht über meine Erfahrungen mit der Organisation "Nuevos Horizontes" im Gefängnis Modelo von Bucaramanga.


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Gute Stimmung nach einer Sporteinheit mit den Männern der Fundation "Nuevos Horizontes" im Gefängnis Modelo.


Dass Heriberto Florez Moreno eine starke Persönlichkeit ist, merkt man bereits in den ersten Sekunden, wenn man ihm begegnet. Der grossgewachsene Mann mit einer unbeschreiblich selbstsicheren Ausstrahlung, der in seiner Uniform genauso gut ein Militärgeneral sein könnte, gehört gleichzeitig zu diesen Personen, die einen bereits bei der ersten Begegnung mit einer Umarmung begrüssen. Und genau diese Herzlichkeit und Nächstenliebe hat sich Heriberto vor 23 Jahren auf den Plan geschrieben, als er die Fundation «Nuevos Horizontes» gegründet hat. Das NGO hat sich keiner geringeren Aufgabe verschrieben, als drogenabhängigen Gefängnisinsassen aus der Sucht zu helfen.


Am Freitag erst habe ich Heriberto kennengelernt und mit ihm über seine Arbeit gesprochen, bereits am Montag stehe ich 500 Gefängnisinsassen gegenüber. Es ist der grösste Trakt des Gefängnisses Modelo in Bucaramanga, Kolumbien. Eigentlich ist der Trakt für 200 Insassen ausgelegt, die fehlenden Schlafplätze werden mit Hängematten kompensiert, auch der gesamte Flur ist mit Matratzen bedeckt. Trotzdem scheint hier friedliche Stimmung zu herrschen, die Insassen begrüssen mich freundlich. Dass Heriberto neben mir steht gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, es ist beeindruckend welches Ansehen er bei den Insassen geniesst. Der Trakt ist aber nur ein Teil der kurzen, allgemeinen Führung durch das Gefängnis, welches immerhin über einen grossen Fussballplatz und einen grosszügigen Aufenthaltsraum für die Insassen verfügt (Ich habe mir die Bedingungen einiges schlechter vorgestellt).

Eine beeindruckende Person - neben Heriberto fühle ich mich sofort sicher. Vor 23 Jahren hat er die Fundation "Nuevos Horizontes" gegründet und bereits hunderten Gefängnisinsassen aus der Drogensucht geholfen.


Die Einrichtungen der Fundation «Nuevos Horizontes» wiederum gleichen schon fast einem Hotel. Die 70 Stockbetten (Total 140 Schlafplätze) sind geordnet und aufgeräumt aneinandergereiht, im Aufenthaltsraum hängt ein Fernseher an der Wand. Weiter gibt es hier ein kleines Fitnessstudio, eine Bibliothek und ein Internetkaffee, welches einige Bewohner für ein Fernstudium an Hochschulen nutzen. Das Gebäude ist zwar im Gefängnis integriert, aber total von den allgemeinen Trakten abgeschottet. Die Insassen schlafen, essen und wohnen hier, ohne mit Insassen aus den Nachbartrakten in Kontakt treten zu können. So wird die Drogeneinfuhr in die Räumlichkeiten der Fundation verhindert. 140 Bewohner leben derzeit hier, für die Aufnahme kann sich jeder bewerben, der ernsthaft an seiner Drogensucht arbeiten möchte – unabhängig vom begangenen Delikt.


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Haupttrakt des Gefängnis Modelo in Bucarmanga. Ausgelegt für 200 Personen wohnen mittlerweile über 500 Insassen in diesem Trakt.


Und da stehe ich nun, vor mir 140 Männer aufgereiht, die alle möglichen Delikte begangen haben sollen. Ich kann mir das bei dieser Begegnung fast nicht vorstellen. Sie begrüssen mich mit einer Zeremonie aus Gesang und Tanz, die Gänsehaut auslöst. Ich erhalte Einblicke in die Arbeit der Fundation, Insassen erzählen ihre Geschichten und Erlebnisse, es gibt eine Frage- und Antwortstunde, die Neugier der Insassen über mein Heimatland ist genauso gross, wie ihre Bestürzung, dass ich Bad Bunny gegenüber Karol-G und Malumo bevorzuge (Reggaeton-Artist «Bad Bunny» stammt aus Puerto Rico, die anderen beiden aus Kolumbien).


Die Fundation «Nuevos Horizontes» besteht grösstenteils aus Psychologen und Sporttrainern. In täglichen Sessions will das NGO den Insassen neue Perspektiven für ihr Leben aufzeigen. Das Ziel ist nicht nur die Beendigung der Drogen-Abhängigkeit, sondern vor allem eine erfolgreiche Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach Beendigung der Haftstrafe. Genau um diesen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt zu vereinfachen, wurden unter anderem die Bibliothek und der EDV-Raum eingerichtet. Insassen bilden sich mit unzähligen Büchern weiter und nehmen an Onlinemodulen renommierter Hochschulen teil. Der Drogen-Entzug wird lediglich von viel Trinkwasser, täglichem Sport und viel Tanz und Musik begleitet, ohne medizinische Eingriffe oder Substitut-Produkte.


Beim Sport komme ich zum Zug. Mit Heriberto vereinbare ich eine wöchentliche Trainingseinheit mit den «Chicos» – ohne Gewicht, eine halbe Stunde Ganzkörper-Krafttraining. Die Dankbarkeit und die Willenskraft bei den Trainings beeindrucken mich. Anstelle eines Schweisstuchs ziehen wir unsere T-Shirts aus, spätestens jetzt fühle ich mich wie einer von ihnen. Nach dem Training spielen wir Fussball zusammen, trotz langjähriger Erfahrung im Fussball kann ich nur schwer mit ihnen mithalten. Wir sprechen über meine Herkunft und die ihre, über Sport und Fussball, über die Hitze, über verschiedene Orte in Kolumbien, über Musik und eigentlich über alles ausser Gefängnissen und Straftaten. Sie fühlen sich in der Sporteinheit als wären sie «draussen auf der Strasse», lassen sie mich wissen. Doch auch ich vergesse an den Nachmittagen mit ihnen alles um mich herum. Nie hätte ich gedacht, dass ich meine persönlichen Freiheitsgefühle ausgerechnet im Gefängnis entdecke.

Mein Beitrag: An den Sportnachmittagen trainiere ich einmal wöchentlich mit den Jungs. Das Ganzkörpertraining findet ohne Hilfsmittel statt - am Schluss wird Fussball gespielt.


Die hohe Motivation der Insassen beruht sicherlich auf viel starkem Willen, aber auch auf einer absoluten Nulltoleranz gegenüber Gewalt und Drogen, wie mir Heriberto erklärt. Werden bei einem Bewohner Drogen gefunden, muss er die Institution sofort verlassen und in den allgemeinen Trakt zurückkehren. Gleiches gilt für körperliche, aber auch für verbale Gewalt. Bereits Fluchen kann in einem Ausschluss münden, was keiner der Bewohner riskieren möchte – die Bedingungen hier sind doch einiges angenehmer als in den überbelegten Trakten der allgemeinen Abteilung.


Dass die Zusammenarbeit unglaublich gut funktioniert, muss mir Heriberto nicht erklären. Ich erlebe selbst, was ich niemals erwartet hätte. Gefängnis-Insassen, die sich gegenseitig motivieren, die zusammen tanzen und über Musik und Fussball philosophieren und alle gemeinsam auf neue, drogenfreie Perspektiven in der Zukunft nach dem Gefängnis hinarbeiten.

Einer von ihnen. Das Volunteering bei "Nuevos Horizontes" ist eine der eindrücklichsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe.

 
 
 

1 Kommentar


natascha.z
05. Mai 2023

Wie schön! Danke für den Einblick! 🙏🏼

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