Einsame Strände und Fischerboote
- Simon Gygax
- 19 abr 2023
- 4 Min. de lectura
Actualizado: 4 may 2023
Santiago de Tolú
Von Krieg am Busterminal, Affen am Strand, leuchtendem Plankton und Dichtestress auf einer kleinen Insel.

Weisse Sandstrände und türkisfarbenes Meer - Die Insel Palma erinnert an die Malediven
Am Bus-Terminal von Cartagena herrschen kriegsähnliche Zustände. Das Terminal organisiert die Busstationen nicht nach Destinationen oder Buslinien, sondern nach den verschiedenen Busunternehmen, die dort stationiert sind. Die Reiseunternehmen wiederum schreiben die Destinationen ihrer Busse nicht an. Die offizielle Vorgehensweise, um seinen Bus zu finden ist deshalb, jeden Terminalangestellten, den man sieht, um Auskunft zu fragen. Es wird gedrängt, geschrien, gelacht und geweint – und nach durchschnittlich acht Mal nachfragen sitzt man dann in seinem Bus, dessen Innenleben nach einer Mischung aus Arepas, Chips und Urin riecht und der die Innentemperatur einer finnischen Sauna aufweist – die Wahrscheinlichkeit, dass es der richtige Bus ist, beträgt ca. 80%.
Zugegeben, mit dem Bus von Cartagena im Norden an die Nordwestküste Kolumbiens nach Santiago de Tolú zu reisen, war im Nachhinein betrachtet nicht die klügste Entscheidung – es gibt Schiffe, die den Transport in nur 2 Stunden zurücklegen und wahrscheinlich weniger Herzinfarktgefahr generieren – am Ende war die Busfahrt aber eine Erfahrung, die mal man gemacht haben muss.
Santiago de Tolú ist ein Fischerdorf, dass unter Kolumbianern mittlerweile ziemlich bekannt ist, den internationalen Tourismus aber noch nicht erreicht hat. Tolú bietet dank seiner Strandpromenade und den Salsa- und Cumbia-Vibes, die aus den Bars und Diskotheken strömen, ein unbeschreibliches Ferienfeeling. Hauptsächlich reist man aber nach Tolú, um die nahegelegenen Inseln des San-Bernardo-Archipels im karibischen Meer zu besuchen.
Die Inseln könnten unterschiedlicher nicht sein.
Die «Isla Palma» beispielsweise ist eine kleine Insel, die von einem einzigen Hotel verwaltet wird und nur mit Tageseintritt besucht werden kann. Der weisse Sandstrand macht den Malediven ernsthafte Konkurrenz, die Farben des Meers mischen sich aus hellblau, türkis und dunkelblau zu einer Kulisse zusammen, die es sonst nur im Bilderbuch gibt. Die Insel war anscheinend eine beliebte Reisedestination Pablo Escobars, der wohl auch nicht ganz unverantwortlich für das unnatürliche Artenvorkommen zahlreicher Tiere auf der kleinen Insel ist. Auf Palma kann mit Wildschweinen schwimmen, wie man es aus den Bahamas kennt, mit Affen einen Strandspaziergang machen, Flamingos auf kürzeste Distanz betrachten und lernen, wie man Wasserschildkröten und Quallen in die Hand nimmt. Bis vor Kurzem gab es ein Delfinbecken mit Shows, glücklicherweise wurde der Betrieb mittlerweile eingestellt. Die Freude an den Tieren legt sich ein wenig, wenn man lernt, dass sie allesamt importiert wurden und nicht natürlich auf der Insel vorkommen.
Ein komplett anderes Bild erhält man auf «Islote». Die Insel ist laut ihren Einwohnern die am dichtesten bevölkerte Insel Südamerikas. Mit dem Fischerboot angekommen, erhält man einen kuriosen Empfang vom Inselguide: «Zuerst wollen wir einen Moment innehalten, um dem lieben Gott für diesen schönen Tag zu danken…(10 Sekunden Pause)… Willkommen auf Islote, für nur 10'000 Pesos können sie hier mit einem Hai schwimmen!»
Abgesehen von dubiosen Touristenführern und einem traurigen Haifisch lohnt sich der Besuch auf Islote aber allemal. Es ist eindrücklich zu sehen, wie über 500 Einwohner auf der knappen Fläche eines Fussballfeldes miteinander auskommen. Die Häuser sind in präziser Effizienz aneinandergereiht, neben einem medizinischen Zentrum und einer Schule bleibt sogar noch Platz für einen kleinen Marktplatz. Weiter ist die Insel gespickt von stilvollen Graffitis und Wandgemälden.
Direkt neben Islote findet man die Insel «Tintipan». Es ist die grösste Insel der Umgebung, jedoch wurde aus Respekt vor der Natur noch fast keine Strassen erbaut. Um vom Westen der Insel nach Osten zu gelangen, ist das Boot der einzige Weg. Entsprechend wild ist die Landschaft auf Tintipan, neben riesigen Wäldern aus Kokospalmen gibt es unzählige einsame Strände zu erkunden. Genau dies sind auch die Gründe, weshalb Gäste im Hostel «Café Arena Beach» von Wilbert einchecken. Das «Café Arena Beach» ist nur per Boot erreichbar und mitten in der Wildnis von Tintipan angesiedelt. Neben den einsamen Stränden können Fische in allen Farben betrachtet werden. In der Nacht bietet Wilbert mit seinem Fischerboot Touren zu einer Lagune an, wo leuchtendes Plankton betrachtet werden kann. Wilbert versichert uns, dass es hier keine Krokodile gibt. Erst auf der Rückfahrt, nachdem wir über eine Stunde im Wasser verbracht haben, fallen mir die tellergrossen, leuchtenden Quallen auf, die das Gewässer mit uns geteilt haben. Obwohl sie anscheinend harmlos sind, würde ich wohl kein zweites Mal mehr ins Wasser steigen.
Übernachtet wird im «Glamping»-Stil, in kleinen Strohhütten, die ausschliesslich mit einem Bett, einem Moskitonetz und einer Lampe ausgestattet sind. Die Duschen beziehen ihr Wasser aus einem Wassertank, der sparsam rationiert wird. Mit einfachsten Mitteln zaubert Wilbert, der sowohl für den Empfang, die Verpflegung, als auch für den Transport der Gäste sorgt, frischen Fangfisch aus dem angrenzenden Meer auf die Teller, begleitet von einem «Patacón» (Röstipatty aus Kochbananen) der einen Michelin-Stern verdient hätte.
Wilbert selbst schläft in einer Hängematte zwischen zwei Palmen auf der Insel, und wenn gerade keine Gäste vor Ort sind, fährt er mit seinem Fischerboot auf das Meer hinaus und füllt die Eistruhe mit «Mojarras» und anderen Fischen. Von Hand hat er aus der einfachen Holzhütte, die bis vor kurzem das Hostel gebildet hat, eine eindrückliche Infrastruktur mit Rezeption, Lounge und Stromversorgung gezimmert. Den englischen Slogan auf seinem T-Shirt versteht er selbst wohl kaum, er passt aber perfekt zu ihm: «Do it now, because someday will become never».

Fischerdorf mit viel Cumbia und Salsa - Santiago de Tolu ist der ideale Ausgangspunkt für Inselhopping im San-Bernardo-Archipel (Quelle: Alcadia de Santiago de Tolu).
Die am dichtesten besiedeltste Insel Südamerikas - Trotz Dichtestress lässt es sich auf Islote gut aushalten
Strandspaziergang mit Affen - Auf Isla de Palma gibt es nicht nur weisse Sandstrände, sondern auch einen Tierpark
Leuchtender Plankton, Glamping und viel wilde Natur mit einsamen Sandstränden auf Tintipan





























