top of page

Wenn an der Ampel die Messer klingeln

  • Simon Gygax
  • Sep 1, 2023
  • 3 min read

Wie die Venezolaner Thay Morales und Ije Cohen die Strassen-Kunst zum Beruf gemacht haben, warum hinter den Strassenkünstlern Kolumbiens meistens viel mehr steckt und warum es sich lohnt, an der Ampel zu applaudieren.

Thay Morales und Ije Cohen, Strassenkünstler und Tattoo-Artisten der beeindruckenden Art.


17:00 Uhr, Parque de los Ninos (Park der Kinder), Bucaramanga. Wie in den meisten Städten der Welt ist in hier um diese Uhrzeit die Hölle los. Volle Strassen, Rushhour, die Geräuschkulisse geprägt von hupenden Autos, es riecht nach Benzin. Die Lichtsignale haben einen langsamen Turnus in Bucaramanga, auf den Hauptstrassen steht die Ampel gerne bis zu 60 Sekunden auf Rot.


Was für gestresste Autofahrer eine Geduldsprobe darstellt, ist für Strassenkünstler die Gunst der Stunde. Von Breakdancern über Jongleure zu Windschutzscheibenreinigungskräften und Verkäufern von Koffeingetränken ist fast alles zu sehen. Was auf den ersten Moment nach einer Belästigung und Betteln an der Ampel wirkt, ist in vielen Fällen viel mehr als das. Eine Kunst, eine Passion, ein Beruf – im Falle von Thay Morales und Ije Cohen ein Beruf, den sie seit mehr als 13 Jahren auf höchstem Niveau ausüben und der ihr Leben auf die vielseitigste Weise geprägt hat.


Während den knapp 60 Sekunden an der roten Ampel werfen sich die beiden gegenseitig scharfe Messer zu, jonglieren diese in der Luft und kombinieren die Choreografie mit anderen Elementen. Gut eine Minute geben sie Vollgas, die Show wäre durchaus reif für den Zirkus oder das Fernsehen. Zum Schluss gibt es eine kurze Verneigung, bevor bei den stehenden Autos das Trinkgeld gesammelt wird. «Manchmal kriegen wir für eine Aufführung nur wenige Münzen, manchmal aber auch bis zu 5'000 Pesos (ca. 1 USD). Über 50-mal wiederholt sich das Szenario, jeweils drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends performen die beiden in der Rushhour. Den Tag durch ruhen sie sich aus, erledigen Einkäufe oder proben und üben an ihrer Choreografie im Park.


Mit Messern und Keulen an der Ampel performen - Thy und Ije sind seit 13 Jahren ein eingespieltes Team.


Durchschnittlich verdienen sie so ungefähr 100'000 Pesos pro Tag (ca. 20 USD) – wovon über die Hälfte sofort wieder für Hotelkosten und Nahrung draufgeht. Denn das Paar lebt nicht in Bucaramanga, sie sind nur auf der Durchreise. Ihre Performance haben sie schon in den verschiedensten Städten in ganz Südamerika aufgeführt. Die Metropolen in Peru, Chile und Argentinien kamen schon in den Genuss der Messer-Performance.


Aufgewachsen ist das Paar in der Nähe der kolumbianischen Stadt Cúcuta, aber nach dem Grenzübergang auf der venezolanischen Seite. Die meiste Zeit verbringen Sie mittlerweile in den kolumbianischen Städten Medellin und Bucaramanga. Bucaramanga bietet den Vorteil, dass es nahe an ihrer Heimat gelegen ist und sie so regelmässig ihre Familie besuchen können, welche sich auch um ihren 8-jährigen Sohn kümmert.


Ausschnitt aus der Messer-Performance von Ije Cohen und Thay Morales auf Bucaramangas Strassen.


Der Beruf der Strassenkunst erlaubt es dem Paar, flexibel zu sein und sich ihre Reisen zu finanzieren. Mittlerweile überlegen sie sich aber, sich auf ihr zweites Standbein, das Tattoo-Business, zu fokussieren. «Wir wollen mehr Zeit mit unserem Sohn verbringen und ihm Sicherheit bieten.»


Sie fühlen sich wohl in Bucaramanga, die Leute seien hier zwar eher konservativ, aber doch tolerant. Negative Erlebnisse sammeln sie hier selten, manchmal werden sie von energischen Polizisten aufgefordert, die Ampeln zu verlassen. Das Business ist zwar nicht legal, wird aber meistens toleriert. Unter den Strassenkünstlern herrscht eine grosse Solidarität, «first come, first serve - Wenn wir sehen, dass eine lukrative Ampel besetzt ist, respektieren wir das und ziehen weiter», erklärt mir Thay.

Ein Highlight sei jeweils, wenn Auto- oder Motorradfahrer nach ihrer Performance applaudieren. «Das gibt uns die Bestätigung und die Freude, unsere Auftritte stets zu verfeinern und zu verbessern».

 
 
 

Receive a notification for each new article

Email addresses will not be shared. This blog has no commercial intentions.

Vielen Dank für das Abonnement!

Contact

I look forward to feedback on my texts, inputs or ideas for exciting reports in Colombia or South America.

Simon Gygax  |  Tel: +57 313 796 86 58

  • Linkedin
  • Black Instagram Icon

Vielen Dank!

bottom of page