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Cartagena, die Stadt der Kontraste

  • Simon Gygax
  • Apr 14, 2023
  • 5 min read

von Eroberern, Stadtmauern und unfreiwilligen Fussmassagen


Kontrast der Stadt: Blick über die Blechdächer Tierra Bombas auf die Skyline Cartagenas


Informiert man sich über die Geschichte Lateinamerikas, starten die meisten Quellen mit der Entdeckung des Kontinents durch die Europäer, angeführt von Christoph Kolumbus. Auch die Geschichte der Stadt Cartagena wird mit der Gründung im Jahr 1533 (gut 40 Jahre nach der Ankunft Kolumbus) durch den spanischen Eroberer Pedro Heredia fundiert. Doch wie unter anderem der Historiker Yuval Noah Harari in seinem Buch «Sapiens» (welches jeder gelesen haben muss) richtig dokumentiert, existiert auf dem lateinamerikanischen Kontinent bereits seit mindestens 14'000 Jahren menschliche Anwesenheit. Die ersten Menschen stiessen damals auf einen Kontinent mit einer unglaublichen Flora und Fauna vor - Harari schreibt von Vögeln, Säugetieren und Reptilien, welche die Neuankömmlinge sowohl aus der Luft wie auch am Boden bedrohten. Durch den Einsatz primitiver Waffen und Instrumenten wie dem Feuer, gelang es den ersten indigenen Völkern, diese tierischen Feinde zu bändigen und die Umwelt zu kontrollieren. Im Umkehrschluss bedeutete dies allerdings, dass innerhalb kurzer Zeit ein Grossteil der damaligen Arten aussterben musste.


Gleiches Schicksal ereilte bekanntlich den meisten indigenen Völkern selbst, als die Spanier den Kontinenten entdeckten. Cartagena war nach Santa Marta die zweite von den Eroberern gegründete Kolonialstadt auf dem Gebiet des heutigen Kolumbiens und eine der ersten wichtigen Kolonialstädte Südamerikas. Auf dem Gebiet des heutigen Cartagenas lebten damals verschiedene indigene Völker, der Grossteil gehörte den «Chibcha» an. Da diese Völker in kleineren Stämmen losgelöst von ihren Nachbarstämmen lebten, herrschte keine grosse indigene Vereinigung, weshalb es für die Spanier sehr leicht war, die Völker zu unterwerfen. Entgegen der weit verbreiteten Auffassung geschah dies aber nicht immer auf brutale und rücksichtslose Art und Weise. In Cartagena beispielsweise wurde «India Catalina», eine indigene Frau, die von den Spaniern gefangen genommen, danach bewusst mehrsprachig und unter spanischer Kultur und christlichem Glauben erzogen wurde, als Vermittlerin eingesetzt. Catalina bewahrte einige indigene Bevölkerungsgruppen vor einer gewalttätigen Eroberung durch die Spanier, indem sie ihnen die Absichten der Eroberer erklärte und sie davon überzeugte, den katholischen Glauben anzunehmen und sich zu unterwerfen. Sie war für die Gründung von Cartagena de Indias von grosser Wichtigkeit für die Spanier und wird bis heute als Friedensstifterin verehrt.


Widerständige Indigene hingegen wurden tatsächlich versklavt oder ermordet. Ein viel grösserer Teil der Ureinwohner starb aber nicht an der Gewalt, sondern an den unzähligen von den Spaniern eingeschleppten Krankheiten. Die überlebenden Indigenen gliederten sich zum Teil widerwillig in die koloniale Gesellschaft ein oder flüchteten in andere Gebiete. Cartagena wurde zu einem wichtigen Drehkreuz des kolonialen Grosshandels. Auf Raubzügen erbeutete Reichtümer wurden hier ebenso gehandelt wie aus Westafrika verschleppte Sklaven. Die Vermischung all dieser Völker führte über die Jahrhunderte dazu, dass die Gesellschaft Cartagenas (wie auch die von ganz Südamerika) heute diverser ist als die Stock-Bilder in Marketingkatalogen von Grosskonzernen.

Die Stadt wurde innert kürzester Zeit sehr reich und wohlhabend und fiel immer wieder brutalen Angriffen durch englische und französische Piraten zum Opfer. 1586 hatte der spanische König Philipp II. genug und befahl die Errichtung der Festung San Felipe de Barajas, die grösste von den Spaniern errichtete Verteidigungsstruktur in Lateinamerika. Sie wurde von einer 11km langen Stadtmauer ergänzt, den sogenannten «Murallas». Das Bauwerk gilt als militärarchitektonisches Meisterwerk und Cartagena seither als «unangreifbar».


Die Murallas umschliessen heute die Altstadt von Cartagena und machen aus der Grossstadt eine der kontrastreichsten Städte der Welt oder zumindest Kolumbiens. Innerhalb der Stadtmauern boomt der Tourismus - Hotelzimmer, Pizzas und Cocktails werden hier teurer gehandelt als Toilettenpapier in der Schweiz während des ersten Corona-Lockdowns. Die alten Kanonen auf den Murallas dienen heute nur noch als nette Dekoration, während man sich im «Cafe del Mar» mit Blick auf das Meer die Lampe füllen und die Geldbörse leeren kann. Strassenverkäufer versuchen den Touristen alles anzudrehen, was irgendwie verkaufbar ist – von kurzen Live-Rap-Performances, über selbst gebastelten Schmuck, Wasser und Bier bis zu Bootstouren zu schönen Inseldestinationen wie «Playa Blanca», «Bora-Bora», «Isla Grande», «Baru» oder «Rosario», von denen ich allesamt abraten kann (laut zuverlässigen Quellen seien die Inseln zwar schön, als Tourist wird man dort aber vor allem als wandelnden Geldautomaten betrachtet).


Ausserhalb der «Murallas» hingegen findet man ein ganz anderes Bild. Die Stadt wirkt chaotischer, unzählige Strassenmärkte und einfachere Häuser prägen die Mittelschicht der Stadt. Die «Afueras» (Vororte) Cartagenas wiederum sind zum Teil von tiefster Armut geprägt, einfachste Grundbedürfnisse wie die Wasser- oder Stromversorgung sind hier nicht gegeben. Und in den Strandgebieten wurden in den letzten Jahrzehnten riesige Hotelkomplexe errichtet, die Skyline kann mittlerweile gut mit New York mithalten. Ein grosser Kontrast also, von der geschichtsträchtigen, sauberen und schönen Altstadt über die ärmlicheren Gebiete ausserhalb der Murallas bis zur grossstadtähnlichen, von Wolkenkratzern gespickten Strandpromenade.


Und dann gibt es noch «Tierra Bomba», auf das ich nur aufmerksam werde, weil mir am Stadtstrand «Bocagrande» unaufgefordert die Füsse massiert werden. Als Milaidis stellt sich die Dame vor, während sie meine Füsse mit Seife einreibt und mir eine Ganzkörpermassage andrehen will. Die Massage lehne ich ab, dafür bezahle ich Milaidis eine beträchtliche Summe, damit sie mir eine Führung durch ihr Heimatdorf gibt.

Milaidis ist auf Tierra Bomba aufgewachsen, eine Insel, die von einer fünfminütigen Fahrt im Fischerboot von Cartagena getrennt ist. Die Insel ist bekannt durch weisse Sandstrände wie «Palmera Beach», die von Touristenbooten direkt angesteuert werden, auf möglichst grossem Umweg um das Dorf «Fuerte Radio», wo Milaidis aufgewachsen ist und immer noch lebt. Den Menschen auf Tierra Bomba geht es heute dank der Errichtung zahlreicher Hotels und dem boomenden Tourismus ziemlich gut. In ihrer Kindheit hingegen lebte Milaidis weitgehend ohne Strom in einfachen Hütten.


Auch heute macht das Dorf Fuerte Radio einen eher einfacheren Eindruck, die mittlerweile aus Beton gebauten und mit Strom und Wasser versorgten Häusern werden nach wie vor mit Blech überdacht, die Strassen sind nicht geteert. Die öffentliche Schule kommt mit einfachster Infrastruktur aus, auf dem Sandplatz direkt am Meer spielen die Kinder besseren Fussball als die meisten Amateurklubs Europas. Am modernisierten Spital vorbei führt ein Weg auf den höchstgelegenen Punkt der Insel, von wo man den Kontrast Cartagenas wunderschön betrachten kann. Über die Blechdächer von Tierra Bomba blickt man über das Meer direkt auf die Luxushotel-Skyline Cartagena de Indias.


Milaidis gibt mir ein anderes Bild auf die für uns Touristen doch eher lästigen Strandverkäufer. «Hier auf Tierra Bomba spannen wir zusammen. Wir teilen uns die Strandgebiete auf und bieten Massagen an. Am Abend wird das Einkommen aufgeteilt. Entweder wir essen alle, oder wir bleiben alle hungrig.» Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob sie dies wörtlich meint oder ein wenig übertreibt (Milaidis lächelt nach jedem Satz), widerspiegelt Milaidis Aussage meinen Eindruck von Cartagena ziemlich gut. Eine sehr schöne, aber kontrastreiche Stadt, in der Touristen aus aller Welt Cocktails trinken, die unbeschreibliche Meeresbrise geniessen und die eindrückliche Altstadt erkunden – während der Grossteil ihrer Einwohner tagtäglich für ein würdevolleres Leben kämpft.


Altstadt Cartagena de indias, wie die Destination im Katalog verkauft wird (Quelle: Lonely Planet)



Cartagena de Indias ausserhalb der Murallas: Einfachere Verhältnisse und Armut (Quelle: Desde Abajo)



Eindrücke aus dem Dorf "Fuerte Radio" aus Tierra Bomba, der Heimat Milaidis



Milaidis - die starke Frau, die immer lacht. Aus einer Fussmassage wurde eine Stadtführung



Fussball am Strand: Das zukünftige Kader der WM 2038 Kolumbiens im Training auf Tierra Bomba



Kinderlachen beim Strassenverkauf von Schmuck im Cafe del Mar auf Cartagena

 
 
 

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